15.06.2020

Arzt-Patienten Kommunikation

Gibt es eine praxistaugliche Lösung für altbekannte Probleme?

Arzt Patient Kommunikation

Die auf der Website gewählte männliche Form bezieht sich immer zugleich auf weibliche und männliche Personen. Auf eine Doppelbezeichnung wurde zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.

Das Arztgespräch von heute

Wenn der sogenannte „Halbgott in Weiß“ sich zu seinem Patienten begibt und diesem in wenigen Sätzen, Danke und Tschüss die frohe Botschaft überbringt, dann heißt das leider immer noch viel zu oft: Arzt – Patienten Kommunikation. Diese bedarf auch in Deutschland weiterer Verbesserungen. 60% der Patienten erleben Ärzte nach wie vor in einer paternalistischen Rolle.1 Im Schnitt vergehen zwischen 11 und 24 Sekunden, bis der Arzt den Patienten zum ersten Mal unterbricht.2 Eine typische Konsultation dauert knapp sechs bis maximal 12 Minuten.2 Das ist auch im internationalen Vergleich besonders kurz.3

Frust bei allen Beteiligten

Und am Ende sind alle unzufrieden: der Arzt, weil er trotz Überstunden zunehmend weniger Zeit für seine Patienten hat.4 Und der Patient, weil nur auf einen Bruchteil seiner Sorgen zufriedenstellend eingegangen wurde.5 Noch mehr Zahlen gefällig? Nach Schätzungen des Gesundheitsministeriums gehen jährlich 9 bis 15 Milliarden Euro verloren, weil neben einer unzureichenden Gesundheitskompetenz der Patienten durch u.a. mangelhafte Patientenbildung auch die Arzt-Patienten Kommunikation nicht ausreichend funktioniert.6-7

Wo bleibt der Mensch?

All die genannten Fakten legen letztlich einen Schluss nahe: Gute Kommunikation, eigentlich Schlüsselkompetenz eines Arztes, scheint abhanden gekommen zu sein. Der Patient ist „zum Objekt degradiert“ und zum „Kunden im Gesundheitssystem“ gestempelt worden, meint der Herzchirurg Prof. Felix Unger, Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.8 Indirekt benennt er damit ein weiteres Problem. Gertrud Demmler, Vorstand der Siemens Betriebskrankenkassen, beschreibt es so: „Geld verdient der Arzt nicht mit Zuhören, sondern mit Aktivitäten und Verrichtungen. So wenig wie es gelingt, Zuhören ausschließlich über Geld zu erzwingen, so sehr behindert das heutige Vergütungssystem das Zuhören in der Medizin.“8 Obwohl die meisten Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten wollen, ist das im aktuellen Versorgungssystem schlicht kaum möglich.

Wie geht Arzt-Patienten Kommunikation?

Und damit sind wir schon mitten im Thema. Wie gute Kommunikation geht, wissen wohl die meisten Ärzte. Auch Medizinstundenten lernen an immer mehr deutschen Universitäten von Anfang an, ein patientenzentriertes Gespräch zu führen.9 Gelehrt wird hier das sog. „Shared Decision Making“ Konzept.10 Ziel des Konzepts ist es, den Rahmen für einen umfassenden Austausch auf Augenhöhe und über alle Aspekte von Gesundheit zu schaffen. Idealerweise befähigt ein derart geführtes Gespräch den Patienten zu einer qualifizierten, konsensbasierten Entscheidungsfindung.

Theorie und Praxis

Das wiederum wirkt sich postitiv auf Patientenmotivation, -zufriedenheit und Komplikationen aus. Außerdem wird der Arzt seltener verklagt.11-15 Es fördert also Gesundheit und Adhärenz, senkt auf diese Weise Kosten, hat aber einen großen Haken.14-17 Der damit verbundene Zeitaufwand ist sehr hoch. Das ist unökonomisch und deshalb im Alltag unrealistisch. So müssen Ärzte weiter versuchen, möglichst schnell das Hauptproblem zu erfassen und übersehen dabei potentiell viele andere. Als Folge wird häufig unzureichende Qualität geliefert.

Was kann man ändern?

Könnte man die Situation also über eine bessere Bezahlung von Beratungsleistungen entschärfen? Eine solche Maßnahme wäre sicherlich angebracht, doch selbst mit entsprechender Vergütung wäre ein Effekt angesichts der Menge an Patienten und bereits von Ärzten aufgewendeten Überstunden marginal.18-19 Interessant ist in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass wahrscheinlich nicht die Dauer der Konsultation das Wohlbefinden der Patienten bestimmt, sondern wie die Zeit genutzt wird.11,20 Das eröffnet nochmals eine neue Perspektive:

Wenn man also die Konsultationszeit nur unwesentlich verlängern kann und es den Patienten sowieso vor allem um den Inhalt geht – an welchen Stellschrauben könnte man noch drehen?

Digital zu mehr Patientennähe

Diese Frage mit digitalen Lösungen zu beantworten steht seit einigen Jahren im Fokus zahlreiche Startups und der Digitalabteilungen etablierter Gesundheitsdienstleister. Jedoch unterscheiden sich die wissenschaftliche Basis und Praxistauglichkeit gravierend. Bei heartbeat setzen wir mit unserer Anamnese- und PROM-Software sehr früh an. Schon während der Wartezeit kann ein Patient allgemeine und krankheitsspezifische Fragen beantworten. Im Arzt-Patienten Gespräch ist dann bereits eine graphisch anschauliche Auswertung verfügbar. So hat der Arzt in kurzer Zeit einen Überblick, kann die einzelnen Themen strukturiert mit dem Patienten durchgehen und gezielt nachfragen, ohne dass der Patient das Gefühl hat, nicht zu Wort gekommen zu sein.

Natürlich ersetzt auch eine solche Software niemals empathische Gesprächsführung und feinfühlige Vermittlung. Sie könnte die vorhandene Gesprächszeit aber effektiver nutzbar machen und helfen, aus der gegenwärtigen Situation das Beste für Arzt und Patient herauszuholen.

Arzt-Patienten Kommunikation 1
Verfasst von:

Lion Thiel

Medizinstudent an der Charité. Schreibt für heartbeat über Wissenschaft, Medizin und Politik.

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Quellen:

  1. Scheibler F, Schwantes U, Kampmann M, Pfaff, H. Shared decision-making. GGW Beilage der Zeitschrift Gesellschaft und Gesundheit 2005;1:23–31, Seite 23-31.
  2. Wilm S, Knauf A, Peters T, Bahrs O. Wann unterbricht der Hausarzt seine Patienten zu Beginn der Konsultation? ZFA – Zeitschrift für Allgemeinmedizin 2004;80:53-7.
  3. Irving G, Neves AL, Dambha-Miller H, et al. International variations in primary care physician consultation time: a systematic review of 67 countries. BMJ Open 2017;7:e017902.
  4. Sturm H, Rieger MA, Martus P, et al. Do perceived working conditions and patient safety culture correlate with objective workload and patient outcomes: A cross-sectional explorative study from a German university hospital. PLoS One 2019;14:e0209487.
  5. Stewart MA, McWhinney IR, Buck CW. The doctor/patient relationship and its effect upon outcome. J R Coll Gen Pract. 1979;29(199):77–81.
  6. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2017/2-quartal/allianz-fuer-gesundheitskompetenz.html (Accessed April 25th 2019)
  7. https://www.univadis.de/viewarticle/arzt-patienten-kommunikation-groehe-sieht-verbesserungsbedarf-434963 (Accessed April 25th 2019)
  8. https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.medizin-verstehen-sie-ihren-arzt.004abbc0-e3ba-421a-bdb2-bfbc30c7c8de.html (Accessed April 25th 2019)
  9. https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/4017-14.pdf (Accessed April 25th 2019)
  10. Bae JM. Shared decision making: relevant concepts and facilitating strategies. Epidemiol Health 2017;39:e2017048.
  11. Cape, J. (2002): Consultation length, patient-estimated consultation length and satisfaction with the consultation. Br.J.Gen.Pract. 52 [485], Seite 1004-6.
  12. Kuntz JL, Safford MM, Singh JA, et al. Patient-centered interventions to improve medication management and adherence: a qualitative review of research findings. Patient Educ Couns 2014;97:310-26.
  13. https://www.zeit.de/2017/46/arztgespraech-patienten-kommunikation-missverstaendnisse/komplettansicht (Accessed April 25th 2019)
  14. Roebuck MC, Liberman JN, Gemmill-Toyama M, Brennan TA. Medication adherence leads to lower health care use and costs despite increased drug spending. Health Aff (Millwood) 2011;30:91-9.
  15. Sokol MC, McGuigan KA, Verbrugge RR, Epstein RS. Impact of Medication Adherence on Hospitalization Risk and Healthcare Cost. Medical Care 2005;43:521-30.
  16. Barry CA, Bradley CP, Britten N, Stevenson FA, Barber N. Patients‘ unvoiced agendas in general practice consultations: qualitative study. BMJ 2000;320:1246-50.
  17. Zolnierek KB, Dimatteo MR. Physician communication and patient adherence to treatment: a meta-analysis. Med Care 2009;47:826-34.
  18. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/257383/umfrage/umfrage-zu-den-arbeitszeiten-von-klinikaerzten-in-deutschland/ (Accessed April 25th 2019)
  19. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/jeder-zweite-arzt-will-nicht-mehr-in-der-klinik-arbeiten-1463965.html (Accessed April 25th 2019)
  20. Ogden J, Bavalia K, Bull M, et al. „I want more time with my doctor“: a quantitative study of time and the consultation. Fam Pract 2004;21:479-83.