IQTIG: Klinik-TÜV mit großen Zielen

Wie Deutschland Behandlungsqualität fördern will

IQTIG: Klinik-TÜV mit großen Zielen 1

Im letzten Jahr veröffentlichte das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) zum mittlerweile zweiten Mal den Qualitätsreport, gemeinhin bekannt als „Krankenhaus TÜV“. Darin wurde insbesondere die Behandlungsqualität in der Geburtshilfe, bei Brustkrebs-OPs und gynäkologischen Eingriffen bewertet. Dass 73 Krankenhäuser „unzureichende Qualität“ lieferten, sorgte für ein gewaltiges Medienecho.Das soll aber erst der Anfang sein.

Qualitätskontrollen bisher ohne Konsequenzen

Schon seit 20 Jahren gibt es in Deutschland für ausgewählte medizinische oder pflegerische Leistungen eine gesetzliche Verpflichtung zur Qualitätssicherung. Deshalb sind auch alle nach § 108 SGB V zugelassenen Krankenhäuser verpflichtet, bestimmte Daten zu dokumentieren.2 Lange blieb das jedoch ohne Konsequenz und die veröffentlichten Krankenhausdaten stehen bis heute nicht gebündelt oder für den Patienten leicht vergleichbar zur Verfügung.3

Neuer Akteur für Qualitätssicherung

Als dann der gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das federführende Gremium der Selbstverwaltung des deutschen Gesundheitswesens, mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) dazu ermächtigt wurde, eine unabhängige Stelle zur Messung der Versorgungsqualität zu beauftragen, war dies indirekt auch die Geburtsstunde des IQTIG.4

Zunächst übernahm diese Aufgabe das Göttinger Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (AQUA-Institut), ehe Anfang 2016 das IQTIG zuständig wurde.4 Die neue Behörde wurde erst ein Jahr zuvor gegründet und Dr. Christof Veit als Institutsleiter berufen. Mittlerweile beschäftigt es ca. 150 Mitarbeiter.5

Mehr als ein „Klinik-TÜV“

Kernaufgabe des Instituts ist die Erarbeitung von Instrumenten bzw. Kriterien zur Qualitätssicherung und deren praktische Umsetzung. Unter anderem geht es darum, die Versorgungsqualität im Gesundheitswesen darzustellen, vergleichbar und öffentlich zu machen, Qualitätssiegel zu schaffen, externe Qualitätssicherung in der stationären und ambulanten Versorgung besser zu verzahnen und auch Modelle, wie Qualität in die Krankenhausplanung der Länder berücksichtigt werden kann, zu entwickeln. Konkret bedeutet das z. B. die Einrichtung einer Internetseite für Patienten zum Krankenhausvergleich oder eben die Veröffentlichung des gerade vielzitierten „Klinik-TÜV“.5

Aktuellster Qualitätsreport mit rund 2,5 Millionen Datensätzen

In diesem Qualitätsreport 2017 wurden rund 2,5 Mio. gelieferte Datensätze von 1.834 Krankenhausstandorten bzw. 273 ambulanten Versorgern auf insgesamt 271 Qualitätsindikatoren (Mindeststandards bei der Behandlungsroutine) und 65 risikoadjustierte Qualitätsindikatoren überprüft.6 Relevant sind dabei vor allem die sog. „planungsrelevanten“ Qualitätsindikatoren, welche vom IQTIG bzw. AQUA-Institut neu erarbeitet und nun erstmals probeweise ausgewertet wurden. Planungsrelevant bedeutet hier, dass diese Indikatoren bei der Krankenhausplanung der Länder berücksichtigt werden sollen.7 Damit haben sie wesentlichen Einfluss auf Fortbestehen und Finanzierung der entsprechenden Stationen und Häuser.

Qualitätsmessung mit Konsequenzen

Hintergrund ist die im Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) hinterlegte Absicht, medizinische Versorgungsqualität als Kriterium für die Krankenhausplanung miteinzubeziehen.8 Entsprechend sollten Krankenhäuser ab 2017 in jedem Quartal Daten zu elf planungsrelevanten Qualitätsindikatoren bei Geburtshilfe, gynäkologische Operationen und Mammachirurgie an das IQTIG übermitteln.7 Hier geht es vor allem um objektive Qualitätskriterien. Bewertet werden Strukturen, Abläufe und Ergebnisse. Beispielsweise wird überprüft, ob bei Frühgeburten ein Pädiater vor Ort ist, wie oft ein Uterus nach einem Eingriff reseziert wird oder wie viel Zeit zwischen der Diagnose Brustkrebs und der Erstoperation besteht.6

„Unzureichende Qualität“ in 73 Krankenhäusern

Eine erste Auswertung ergab nun, dass in den untersuchten Bereichen 73 von 1084 Krankenhäusern „unzureichende Qualität“ liefern.1,8 Das daraufhin folgende Medienecho (Lob wie Kritik) war entsprechend groß.9-11 In Zukunft sollen laut G-BA bald weitere Fachbereiche folgen, doch schon jetzt werden Rufe nach Konsequenzen laut.12

Deutschland nur Mittelmaß

Unabhängig davon, wo welcher Verbesserungsbedarf festgestellt wurde: man sieht, dass die Politik ernst macht. Der Wunsch nach guter Qualität für den Patienten wird mittlerweile auch von öffentlicher Stelle kommuniziert. Sie reagiert damit auch auf die Tatsache, dass Deutschland bei den Gesundheitsausgaben zwar zur internationalen Spitze gehört, in Sachen Gesundheit seit Jahren aber lediglich mittelmäßig abschneidet (Abb. 1 und 2).13

Lebenserwartung international OECD Statistik 2017
Abb. 1: Lebenserwartung bei Geburt im internationalen Vergleich. 1970 vs. 2015.14
Gesundheitsausgaben BIP Deutschland International OECD 2017
Abb. 2: Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Internationaler Vergleich.14

Wo bleibt die Patientensicht?

Auch wir von heartbeat unterstützen diesen Trend hin zum Wohl des Patienten. Wir finden aber auch: ein rein „fehlervermeidungszentrierter“ Ansatz sollte nicht exklusives Qualitätskriterium bei der politischen Beurteilung von Krankenhäusern sein. Denn Mindeststandards bei bestimmten Prozessen tragen sicher zu besseren Outcomes bei. Wirklichen Behandlungserfolg garantieren sie aber nicht und spiegeln ihn nicht direkt wider. Dafür wäre es gut, auch die Perspektive des Patienten, wie beispielsweise in Michael E. Porters Value Based Healthcare Konzept, miteinzubeziehen. Patient-reported Outcome Measures (PROMs), also strukturierte, standardisierte Patientenfragebögen in Form von Scores, könnten diese Lücke schließen. Erste Initiativen dazu gibt es beispielsweise schon in England und Amerika. Zusammen mit den bereits existierenden Projekten zu einem transparenten Qualitätsvergleich könnte man so gute Ansätze noch besser machen.

IQTIG: Klinik-TÜV mit großen Zielen 2
Verfasst von

Lion Thiel

Medizinstudent und Doktorand an der Charité. Schreibt für heartbeat regelmäßig über Wissenschaft, Politik und Medizin.

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Quellen

  1. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/krankenhaus-tuev-diese-73-kliniken-liefern-unzureichende-qualitaet-a-1237366.html (Accessed November 30th 2018)
  2. https://www.vdek.com/magazin/ausgaben/2016-0910/politik-iqtig.html (Accessed December 13th 2018)
  3. https://www.vdek.com/vertragspartner/Krankenhaeuser/Qualitaetssicherung.html (Accessed December 13th 2018)
  4. https://aok-bv.de/hintergrund/dossier/krankenhaus/index_15363.html (Accessed December 13th 2018)
  5. https://iqtig.org/das-iqtig/ (Accessed December 13th 2018)
  6. https://iqtig.org/downloads/berichte/2017/IQTIG_Qualitaetsreport-2017_Zusammenfassung_2018_09_21.pdf  (Accessed December 13th 2018)
  7. https://iqtig.org/qs-instrumente/planungsrelevante-qualitaetsindikatoren/(Accessed December 13th 2018)
  8. https://www.g-ba.de/institution/presse/pressemitteilungen/771/(Accessed December 13th 2018)
  9. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/69873/Scharfe-Kritik-am-Entwurf-der-Qualitaetsindikatoren-fuer-die-Krankenhausplanung(Accessed December 13th 2018)
  10. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/kliniken-wehren-sich-gegen-vorwurf-schlechter-qualitaet-15894670.html(Accessed December 13th 2018)
  11. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/krankenhaus-tuev-diese-73-kliniken-liefern-unzureichende-qualitaet-a-1237366.html(Accessed December 13th 2018)
  12. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/qualitaet-in-73-krankenhaeusern-unzureichend-15887498.html(Accessed December 13th 2018)
  13. https://www.wiwo.de/politik/europa/oecd-studie-deutschland-hat-mit-die-hoechsten-gesundheitsausgaben-weltweit/20568580.html(Accessed December 13th 2018)
  14. OECD (2017), Health at a Glance 2017: OECD Indicators, OECD Publishing, Paris.http://dx.doi.org/10.1787/health_glance-2017-en